Petra Nouns
Autorin

Leseproben

TAKLA MAKAN

Jugendroman-Trilogie
Herbst 2015
Divan-Verlag

Anfang von Band I - Das blaue Licht

Der Orkan fegte durch mein Leben
Und mein Kinderherz starb


Ich glaube, alles fing am 27. August dieses verdrehten Jahres an. Die Geschichte ist natürlich viel älter. Wie alt, weiß niemand genau. Für mich jedenfalls begann sie an diesem Tag. Ich kam in die Acht A
der Marie-Curie-Gesamtschule in Kreuzberg, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, aber auch Orkan war in dieser Klasse.
Vor Beginn der ersten Stunde stolperte ich über seine Tasche, die quer im Gang zwischen den Tischen lag. Ich hatte gehofft, Orkan wäre kleben geblieben, doch nun sah es aus, als müsste ich ihn in ein weiteres Jahr ertragen.
Das achte Jahr Orkan. Seit der Grundschule.
Mein Vater liebt Kreuzberg, liebt Multikulti. Er schickte mich auf eine Grundschule mit einem Ausländeranteil von drei Vierteln. Und dann auf die Marie Curie, mit immerhin noch zwei Dritteln davon. Zwei Drittel Ausländer - ich meine natürlich Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund. Mein Vater hat keinen Schimmer, was das bedeutet. Er selbst ist Lehrer an einem Schickimicki-Gymnasium in Wilmersdorf. Heuchler. Aber ein lieber Heuchler. Ist eben Papa, pardon, ich meine Lars, denn er möchte nicht Papa genannt werden. Alles klar?
Ach ja, ich habe auch eine Mutter. Das vergesse ich manchmal, weil ich sie so selten sehe. Sie ist Ethnologin. Ethnologie war eines der ersten Worte, die ich schreiben konnte. Mama war damals sehr stolz auf mich. Was Ethnologie genau ist, habe ich bis heute nicht verstanden. Nur so viel: Immer die Nase in fremden Angelegenheiten und immer auf Achse. Lars hätte sie lieber zu Hause, logo, aber was soll er machen? Sie anbinden? Sie würde sich scheiden lassen. Fertig.
Um es kurz zu fassen: Ich habe eine komische Familie, wenn man das überhaupt so nennen will, und wünschte, ich hätte einen Vater, der Bundesliga guckt, und eine Mutter, die … na sagen wir, die einfach da ist – angebunden oder nicht.
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich immer ein und dasselbe Sweatshirt trage. Es ist schwarz, lang, weit, im Winter wärmend, im Sommer kühlend – wie ich finde – und es hat vorn und hinten die Aufschrift Sweatshirt. Um ehrlich zu sein, habe ich natürlich nicht nur dieses eine Sweatshirt. Ich habe zugegebenermaßen zwei davon, absolut identisch. Sie wandern immer abwechselnd in die Waschmaschine, und sind deshalb auch absolut identisch verwaschen.
Und noch was: Am Abend vor diesem ersten Schultag in der Acht A hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Brieftaube gesehen. Sie saß auf dem Baum vor meinem Zimmer und wurde von einer Krähe angegriffen. Ich wollte ihr helfen, aber die Krähe hackte auf sie ein, bis sie wegflog. Ich weiß, das klingt jetzt nicht besonders aufregend, aber seltsam daran war, dass sich das Ganze nachts um halb zwölf abspielte, wenn Krähen und Tauben schlafen – soviel ich weiß.
Womöglich war das der Beginn meiner Geschichte.


Ausschnitt aus Band II - Grenzgänge

In der Flughafenhalle wirft sie sich ihr rotes Cape über die Schultern, streicht den Saum ihres Kleides glatt, ordnet die Strähnen, die sich während des Fluges aus ihrer bläulich-schwarz schimmernden Hochsteckfrisur gelöst haben, und stöckelt über den spiegelblanken Marmorboden. Ihr Koffer folgt ihr wie ein Hündchen an der Leine, wobei er eher aussieht wie ein glänzendes Reptil – wie eine rechteckige Schildkröte mit dunkelvioletter Krokodilshaut und kurzen Füßchen mit Rollen an den Enden statt Krallen. Im Schaufenster der Samsonite-Boutique in der Friedrichstraße in Berlin stand das Schmuckstückchen gestern noch, und ihr war, als zwinkerte es sie an. ‚Donnerwetter!’, dachte Leila und zückte sofort ihren Geldbeutel, ‚Design, als hätte ein Magier die Finger im Spiel gehabt’. Auf die Schnelle brachte sie ihm das Nötigste bei. ‚Platz!’, ‚Lauf!’ und ‚Bei Fuß!’, und sie gab ihm den Namen Sami.
Raschen Schrittes steuert sie auf den Ausgang zu.
„So, Sami, bringen wir es hinter uns. Die Dreibeinige Einsilbige Katze wartet. Ich bin ihr einige Erklärungen schuldig. Es ist schon unangenehm, ich als altgediente Itnanin… Also, ich habe einen dummen – einen kleinen – aber einen zugegebenermaßen dummen – also - einen Fehler habe ich gemacht. Ich meine, ich habe ihn natürlich bemerkt und auch gleich korrigiert, aber die Dreieinige Einsilbige Katze verzeiht eben keine Fehler. Als ob sie selbst nie Fehler macht - ich meine, nicht dass ich je einen bemerkt hätte, aber selbst wenn, so würde ich ihn natürlich verzeihen, das ist doch Ehrensache unter Weißmagiern, egal ob menschlich oder kätzisch, oder was meinst Du Sami? …. Sami??“ Leila zieht an der Kofferschlaufe, spürt keinen Widerstand, und nun sieht sie, dass das andere Ende lose in der Luft baumelt. Etliche Meter hinter ihr hockt Sami.   
„Bei Fuß!“, ruft sie. Sami rührt sich nicht von der Stelle.
„Bei Fuß, hab ich gesagt!“
Einige Passanten drehen sich nach Leila um und lächeln mitleidig.
Genervt kehrt Leila um und geht auf Sami zu. „Hab ich dir denn gar nichts beigebracht? Ist es etwa zuviel verlangt von einem Koffer, dass er mir folgt? Einfach nur folgt?“ Sie hakt die Schlaufe wieder fest an Sami, zieht, will weiter gehen, aber Sami bockt. Die Rollen unter seinen Reptilfüßen bewegen sich nicht.  „Lauf!“, ruft Leila. Sami bockt. Leilas Gesicht verdüstert sich. Streng sagt sie: „Ich habe Dir Leben eingehaucht. Ohne mich stündest du immer noch in einem Berliner Schaufester und würdest langsam verstauben, bis du mit viel Glück vielleicht als Sonderangebot im Sommerschlussverkauf irgendein langweiliges Frauchen finden würdest. Wer könnte dir ein interessanteres Leben bieten als eine Weißmagierin?“
Leila zerrt an der Schlaufe, Sami bleibt unbeweglich.  
„Eine international agierende Weißmagierin!“, setzt Leila nach und zerrt noch einmal kräftig an der Schlaufe. Mit einem Klick löst diese sich und Leila verliert beinahe ihr Gleichgewicht.
Immer mehr Köpfe drehen sich nach den beiden um. Ein paar Leute bleiben stehen. Leila fixiert Sami mit beschwörendem Blick. Doch plötzlich wird sie nachdenklich. Bezweifelt er etwa, dass sie eine international agierende Weißmagierin ist?
Also gut“, murmelt sie, jetzt im versöhnlichen Ton. „Lassen wir das ‚international’ mal weg. Du hast ja Recht. Nicht jeder, der in der Weltgeschichte umherreist agiert international. Ja, ich weiß, die Dreibeinige Einsilbige Katze hat es verkündet: Orkan und Ella sind für einander bestimmt. Ich hätte niemals daran zweifeln dürfen. Nur weil Ella keine Türkin ist. Aber wenn du gesehen hättest, was dieses Mädchen in der Küche zustande bringt! Nichts! Nichts außer Nudeln mit Hackfleischsoße! Guck nicht so – nun gut, ich gebe zu, manchmal macht sie frisches Pesto selbst. Aber niemals Börek, Köfte, Bakhlava!“
Sami bleibt unbewegt.
„Ja, ich hatte Vorurteile. Nein, ich habe nicht international gedacht. Ja, ich habe mich in Ella geirrt. Aber schließlich habe ich doch international agiert, habe sie zusammen gebracht. Sie ist die perfekte Braut für Orkan. Sie ist klug. Und mutig. Also komm, Sami. Auf zur Dreibeinigen Einsilbigen Katze. Ich werde mich in aller Form bei ihr entschuldigen.“
Sami rollt los. Leichtläufig schnurren seine Räder. Leila beeilt sich, hinterher zu kommen, ihn zu überholen, die Schlaufe zu packen, bevor noch mehr Leute stehen bleiben.
„Verrückte gibt es überall“, sagt einer und läuft kopfschüttelnd weiter. Ihm beipflichtend zerstreuen sich die übrigen.
„Türkisch kochen wird sie auch noch lernen“, nuschelt Leila und Samis Rollen blockieren noch einmal kurz.
Den Rest des Weges bis zum Taxistand schweigt Leila und denkt sich ihren Teil. Verdammt kluges Bürschlein, mein Sami.